STUDIO



Die Haut, mit der ich arbeite

Mit Schutzbrille, Atemschutzmaske und weissen Einweghandschuhen tauche ich eine Polyamid-Feinstrumpfhose in das zuvor sorgfältig verrührte Epoxidharz hinein. Mit den Fingern drücke ich die Feinstrumpfhose fest zusammen und massiere mit beiden Händen das Harz in das Gewebe ein. Anschliessend ziehe ich das Gewebe immer wieder auseinander und kontrolliere die unbenetzten Stellen. Das überschüssige Harz drücke ich sorgsam über dem Behälter aus. Als würde ich die Strumpfhose selbst anziehen, raffe ich sie bis zur Fussspitze und ziehe sie über die Stiefel, welche ich zuvor mit Kies gefüllt habe. Das Strumpfgewebe wird danach an einem Metallhaken und einer Kette hochgezogen – so weit bis sich die Strumpfhose nicht mehr dehnen kann.
Das Licht gleitet der Wand entlang, durchdringt die Körperhüllen und verflüchtigt im Raum. Wie eine Haut überzieht die mit Epoxidharz durchtränkte und ausgehärtete schwarze Polyamid-Feinstrumpfhose die Stiefel. Aufrecht stehend, ohne Hilfsmittel, steht sie im Raum. Ein anderer Körper ist mit einer beige-braunen Feinstrumpfhose in die Länge gezogen und steht mit entgegengesetzten Stiefeletten am Boden. Leblos liegt ein weiterer Körper auf einer mit Plastik bedeckten Holztafel. An einer Wandfläche hängen einzelne und in Gruppen zusammen positionierten halbtransparente und federleichte Hohlkörper aus Feinstrümpfen und Epoxidharz. Sie sind in beige-braunen Farbtöne gefärbt. Die Formen sind kantig. Der innere Körper ist abwesend. Lediglich die Hüllen davon sind im Raum präsent.

Mit meiner Neugier für Feinstrumpfhosen und den Eigenschaften dieses weit verbreiteten Industrieprodukts, wurde dieses weibliche Kleidungsstück zum Hauptthema meines künstlerischen Schaffens. Dabei setze ich mich mit den Begriffen: Körperhülle, Fremdkörper, Weiblichkeit/ Männlichkeit sowie die Abwesenheit auseinander. Ausgangspunkt meiner aktuellen Arbeit waren visuelle Darstellungen meines männlichen Körpers in Selbstinszenierungen mit weiblicher Kleidung. In der Auseinandersetzung von Körperbau und Körperhaltung sowie der Frage nach der Konstitution von Geschlechterbilder mit weiblichen Kleidungsstücken, entstanden Fotografien, Malereien, Druckgrafiken und Videoarbeiten. Die Gegensätzlichkeit von Männlichkeit und Weiblichkeit verstärkte ich und stellte sie gleichzeitig in Frage mittels fotografischer und optischer Eingriffe sowie der Gestik. Das Bildmedium ermöglicht mir ein Teil des Ganzen abzubilden. Ein Ausschnitt meiner Persönlichkeit. Stärker zeigt sich jedoch das materielle Interesse zwischen mir und meiner Arbeit. Die Materialien stammen zum grössten Teil aus Brockenhäusern, Online-Marktplätzen und Flohmärkten. Dabei weisen sie eine gewisse Anonymität auf, die ich in den Werken weiter zum Ausdruck bringe.